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Die Kritische Psychologie Dresden ist zurück!

Nach fast drei Jahren der Stille ist es nun soweit – aus der Asche der alten Gruppe hat sich die Kritische Psychologie Dresden erhoben. Neue Mitglieder folgen dem alten Ziel: dem kritischen Hinterfragen von gesellschaftlichen Zuständen, universitärer Lehr- und Arbeitsweise, aber auch eigenen Ansichten und Einstellungen aus dem Blickwinkel der (natur-)wissenschaftlichen Psychologie. Da wir uns zur Zeit noch in der Entstehungsphase befinden, gibt es wenig Konkretes, dafür aber umso mehr Motivation und Ideen, die sich von Diskussionsrunden über Lesekreise, Vorträge und offene Aktionen erstrecken.

Für wen ist die Hochschulgruppe Kritische Psychologie Dresden?
Momentan besteht die Gruppe aus etwa 20 Gründungsmitgliedern und mehr oder weniger lose assoziierten Interessierten aus dem Bachelor-und Masterstudiengang Psychologie. Diese Mitgliedschaft ist aber keinesfalls exklusiv – Menschen aus allen Studiengängen sind herzlich eingeladen, sich zu beteiligen. Die einzige Voraussetzung, die erfüllt werden sollte, ist ein gewisses Interesse und der Spaß an den Inhalten psychologischer Lehre und Forschung und die Offenheit dafür, das eigene Weltbild zu ändern.

Was ist das Ziel der Kritischen Psychologie?
In einem Wort: Kritik.
Damit meinen wir nicht die im Volksmund so negativ belegte Form der Kritik, die darin besteht, alles schlecht zu finden und anders machen zu wollen. Wir meinen die ursprüngliche, von Philosophen wie Kant und Popper geprägte Bedeutung – die gesunde Skepsis gegenüber dem, was uns als Wahrheit dargelegt wird.
Anders als in der Zeit ihrer Entstehung hat die Psychologie in unserer Gesellschaft eine begrüßenswerte Salonfähigkeit erreicht. Intelligenztests werden zuhauf eingesetzt, um die Leistungsfähigkeit von Schülern und später potenziellen Angestellten zu überprüfen, der IQ wird in weiten Kreisen als eine unverrückbare Aussage über die eigene Kompetenz angesehen. In kaum einer größeren Debatte dürfen die ikonischen Worte „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass…“ fehlen.
Diese Popularität psychologischer Forschung birgt aber auch einige unübersehbare Gefahren, die allzu oft leider doch übersehen werden. Bei allem Vorteil, den ein Intelligenztest mit sich bringt, gehen doch wichtige Informationen verloren – dass von etwa 500 verfügbaren Tests nur 9 als wissenschaftlich fundiert gelten, ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn was die breite Masse selten kennt, sind die zugrunde liegenden Intelligenztheorien. Ein spezieller Test trifft nur eine Aussage über einen oder mehrere, aber nie über alle Intelligenzbereiche. Ein Hochbegabter mit einer unglaublichen Sprachbegabung wird von einem IST-2000, der sich ausschließlich auf mathematisch-numerische Fähigkeiten konzentriert, als maximal durchschnittlich intelligent eingestuft – was gerade im Schulalter fatale Auswirkungen auf das Selbstbild und die Leistungen haben kann. Kaum jemand kennt das Konfidenzintervall des Tests, den er oder sie durchgeführt hat, was letzten Endes dazu führt, dass ein Satz wie „Ich habe einen IQ von 125!“ eigentlich keinerlei Aussagekraft besitzt – praktisch aber als eine unbestreitbare Tatsache angesehen wird. Die Wichtigkeit, die dem Intelligenzquotient also gemeinhin zugeschrieben wird, sorgt für ein falsches oder zumindest stark verzerrtes Bild der eigenen Leistungsfähigkeit und Kompetenz.
Abgesehen von der inhaltich-fachlichen Unsicherheit solcher Testergebnisse, die dann doch breit genutzt und eingesetzt werden, ist auch der gesellschaftliche und politische Nutzen solcher Tests kritisch zu hinterfragen: So stehen Intelligenztests in der Tradition Schwarzen Menschen, People of Color oder Frauen* geistige Fähigkeiten abzusprechen und ihnen scheinbar wissenschaftlich legitmiert den Zugang zu Bildung und Arbeit zu verwehren.
Grundsätzlich wird der Wert, der Menschen durch die Psychologie zugesprochen wird, nur all zu oft an ihrem wirtschaftlichen „Nutzen“ bemessen: In der Organisationspsychologie wird unter Anderem untersucht, wie die Gesundheit der Angestellten als Ressource genutzt werden kann. Das Ziel: Dem Unternehmen langfristig mit möglichst geringen Kosten zu mehr Wachstum verhelfen. Persönlichkeitsentwicklung und Psychotherapie sind dann „erfolgreich“, wenn sich die „Behandelten“ selbstständig um einen Arbeitsplatz kümmern können.
Gerne sehen wir die Forschung und Wissenschaft als unabhängige Instanz an, obwohl wir uns fragen müssten, wie objektiv sie wirklich sind – oder ob nicht gesellschaftliche Machtverhältnisse dazu führen, dass Ergebnisse wie die eben erwähnten nur aufgrund impliziter Annahmen entstehen.
Eines der Themen, denen sich die Kritische Psychologie Dresden widmen will, ist die Auseinandersetzung mit ebendieser Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und psychologischer Forschung; mit dem Stand, den die Wissenschaft besitzt und dem, den sie vielleicht haben sollte. Gleichzeitig ist uns auch wichtig, inwiefern die universitäre Lehre strukturell und inhaltlich dieses Verhältnis unterstützt.
Kritik in Form von Skepsis darf aber nicht nur nach außen gehen, sondern muss auch ganz im Sinne Kants und Poppers immer wieder auf den oder die Kritisierenden selbst angewendet werden. Auch wir tragen den latenten Sexismus der Gesellschaft in uns, die implizite Homophobie, die unausgesprochene Fremdenfeindlichkeit. Auch wir neigen dazu, Dinge als gegeben zu betrachten, die die Wissenschaft uns nahelegt – und wir wollen genau das so weit wie es uns möglich ist ändern. Selbstkritik und Selbstreflexion sind ebenso wichtige Punkte wie die Gesellschaftskritik und bieten die Möglichkeit, die Schwachstellen in unserem eigenen Weltbild zu finden und durch Offenheit zu ersetzen.

Was kann ich also genau in dieser Gruppe tun?
Bei uns ist jeder willkommen, der sich mit den oben genannten Themen auseinandersetzen möchte. In der Geburtsstunde dieser neuen Gruppe ist ein inhaltliches Spektrum entstanden, dass wie beschrieben die Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen und am Lehrsystem (auch speziell der TU Dresden) umfasst – am anderen Ende dieses Spektrums stehen aber auch die Menschen, die Inhalte vertiefen wollen, indem sie mit anderen darüber diskutieren, und die ihr Wissen über das Fachgebiet Psychologie über den Tellerrand der TU-Lehre hinaus erweitern wollen.
Eine Mitgliedschaft in der Kritischen Psychologie Dresden bietet somit alle Möglichkeiten, die Perspektive zu wechseln – sei es aus rein inhaltlicher oder kapitalismuskritischer Motivation heraus.
Natürlich beinhaltet dieses Spektrum eine so große Vielfalt an Themen und Gebieten, dass es trotz verschiedener Arbeitsgruppen unmöglich ist, alles auf einmal anzugehen. Deshalb werden wir bald einen Plan entwickeln, womit wir im Sommersemester 2018 anfangen und was wir bearbeiten; dazu befindet sich ein Kick-Off-Wochenende vom 20. bis 22. April in Planung, über das wir in Kürze weiter informieren werden.

Was muss ich sonst noch wissen?
Wie erwähnt ist die Mitgliedschaft in dieser Gruppe das Gegenteil von exklusiv. Es gibt keine Aufnahmebedingungen, kein Verfahren und keine festen Gebühren (abgesehen von Fixkosten, da Events wie das Kick-Off finanziert werden müssen). Alles was ihr tun müsst, solltet ihr interessiert sein und mitmachen wollen, ist eine Mail an critpsydd@autistici.org zu schreiben. Wir werden euch zu unserem nächsten Treffen einladen und dann könnt ihr für euch entscheiden, welchen Beitrag ihr zu der Gruppe leisten könnt und wollt. Wir freuen uns auf euch!